Fachgespräch mit Casjen Griesel, hauptamtlich tätig beim LSBT*IQ Netzwerk Nordhessen

AdiNet: Hallo Casjen, wunderbar dass Du heute da bist und dass Du dem AdiNet ein Interview, ein Fachgespräch angeboten hast. Sag bitte zunächst mal ein paar Worte zu Dir selbst,  also wer Du bist, wo und wie Du lebst.

Casjen: Mein Name ist Casjen Griesel, meine Pronomen sind er/ihm und sie/ihr, entweder abwechselnd oder man sucht sich eins aus, da hab ich keine Präferenz. Ich bin 29 Jahre alt und lebe hier in Kassel in einer WG mit einer anderen Person und einem Hund und arbeite hauptamtlich beim LSBT*IQ Netzwerk Nordhessen, und studiere berufsbegleitend soziale Arbeit.

AdiNet: Wie weit bist du mit diesem Studium?

Casjen: Ich habe im letzten Oktober angefangen zu studieren an einer Fernhochschule in Teilzeit, also sind es 8 Semester Regelstudienzeit. Ich bin jetzt im zweiten Semester.

AdiNet: Stell uns bitte die Institution für die du arbeitest vor.

Casjen: Ich arbeite beim LSBT*IQ Netzwerk Nordhessen, meine Stelle ist angegliedert an die AIDS-Hilfe Kassel. Finanziert wird diese Projektstelle über den Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt vom Land Hessen. 2018 oder 2019 wurden diese Stellen ausgeschrieben in ganz Hessen. In allen vier hessischen Regionen, also Südhessen, Rhein-Main, Mittelhessen und Nordhessen konnten sich Träger*innen darauf bewerben und hier in Nordhessen waren das der AKGG e.V., heute VIVA-Stiftung  und eben die AIDS-Hilfe. Daher  kam es zu einer Doppel-Trägerinnenschaft, also ich habe eine Kollegin, die ist angegliedert an die VIVA-Stiftung. Durch diese doppelte Trägerinnenschaft haben wir eigentlich ziemlich viele Vorteile, weil wir an zwei Strukturen angegliedert sind und dadurch ein supergroßes Netzwerk und Zugang zu allen möglichen Stellen haben.

AdiNet: Sag uns doch ein bisschen was über den Personenkreis, mit dem Du in Deiner Arbeit zu tun hast.

Casjen:  Es ist eigentlich total interessant, weil ich das gar nicht so zu 100% eingrenzen kann, mit wem ich arbeite, weil ich im Prinzip mit allen arbeite, die mit mir arbeiten wollen. Um es so ein bisschen zu versuchen: alle Menschen, die mit queeren Personen arbeiten oder arbeiten wollen oder das potenziell irgendwann mal tun könnten, freiwillig oder nicht. Auch mit sehr vielen Communities selber, nicht nur in Kassel sondern auch in ganz Nordhessen und Hessen. Mit Fachkräften arbeiten wir, und mit Menschen, die sich zum Beispiel mit dem Thema „Sicherheit“ auseinandersetzen, also zum Beispiel Polizei und Beratungsstellen und so. Aber auch mit Krankenhäusern, Schulen, Jugendhäusern, und allen anderen öffentlichen Strukturen, in denen Queers sich bewegen. Bei allen, die irgendwie mit uns was zu tun haben wollen, da sind wir am Start.

AdiNet: Also betreust Du eher Institutionen als einzelne Menschen?

Casjen: Was wir tatsächlich gar nicht machen ist individuelle Beratung. Diese Anfragen kommen natürlich trotzdem rein, und dann verweisen wir gerne an unsere befreundeten Institutionen in Kassel oder darüber hinaus, was halt gerade genau passt für die Person. Wenn es zum Beispiel um trans* Themen geht, dann verweise ich an T*räumchen. Was wir aber machen sind Fachberatungen für queere Jugendgruppen, auch im Aufbau oder in der Umstrukturierung. Zu vielen queeren Themen geben wir Workshops oder halten Vorträge, und manchmal organisieren wir auch Kulturveranstaltungen für die Communities.

AdiNet: Also das ist eher so eine übergeordnete administrative organisatorische Tätigkeit und  mit betroffenen Menschen hast Du in der Arbeit eigentlich gar nicht so viel zu tun. Welche Erfahrungen haben denn die Leute, mit denen Du zu tun hast, mit dem Thema Diskriminierung eigentlich schon gemacht oder was berichten vielleicht auch Institutionen Dir gegenüber zum Thema Ausgrenzung?

Casjen: Wir sind natürlich trotzdem in Kontakt mit den Communities, weil uns das total wichtig ist. Unsere Stellen sind so angelegt, dass wir in ganz Hessen selber Teil von queeren Communities sind, also uns da selber verorten und dass wir eben auch immer den Kontakt zu den Communities halten,  um so eine Art Sprachrohr zu sein. Wir haben den Anspruch an uns, die Stelle zu sein, an die man sich wendet, wenn man Fragen zu queeren Themen hat, aber eben auch, dass wir wissen, was gerade in der Community los ist. Das heißt, ich bekomme das schon relativ eng mit, würde ich sagen.
Gerade in den letzten Tagen war ein großes Thema wieder Gewaltverbrechen gegenüber queeren Männern. Da bin ich mit einer Person aus der Community in Kontakt, die engagiert ist, diese Gewalttaten, die gerade besonders an Cruising Orten passieren, zu kartieren. Da beschäftigen wir uns auch mit der Fragestellung: Wie können queere Männer, die eben trotzdem cruisen gehen wollen, das machen ohne sich diesen Gefahren auszusetzen? Wie kann man Vorkehrungen treffen? Das ist so eine Sache, die relativ präsent in ganz Hessen ist, eben diese steigende Gewalttätigkeit gegenüber queeren Personen auch in der Öffentlichkeit.
Womit ich mich auch viel beschäftigt habe, was ich gar nicht so auf dem Schirm hatte, als ich die Stelle angefangen habe, ist Sichtbarkeit im ländlichen Raum. In den nordhessischen Landkreisen, in denen ich so unterwegs bin, gibt es die total schöne Entwicklung, dass es mehr und mehr queere Jugendgruppen gibt. Häufig geht es in der Zusammenarbeit dann um die Frage, wie wir dieses Angebot schaffen können, vielleicht auch ohne dass die Eltern das mitbekommen, dass die Jugendlichen dahingehen, weil sie nicht geoutet sind. Ich habe schon mit Jugendlichen aus Fulda gesprochen, die bis nach Kassel ins queere Jugendzentrum fahren, weil sie sich sagen: hier erkennt mich keiner und ich kann mich entspannt in diesen Räumen bewegen. Wenn aber zum Beispiel in Fritzlar im Jugendhaus ein queerer Jugendtreff ist und auch die Eltern und Angehörigen die genauen Termine kennen, kann es sein, dass das eben auffällt, wenn die Jugendlichen da hingehen oder dass Anwohner*innen sie auf dem Weg dahin sehen und erkennen. Ich habe leider schon von Situationen gehört, in denen die Eltern telefonisch von Anwohner*innen informiert wurden, dass ihre Kinder zu diesen Treffen gehen. Diese fortlaufende Stigmatisierung im Dorf und das Schaffen von Safer Spaces im ländlichen Raum, das ist wirklich ein großes Thema.

AdiNet: Gibt es denn im ländlichen Raum tatsächlich auch in den Landkreisen Safe Spaces oder müssen sich die Menschen alle wirklich auf den Weg machen und hier in die große Stadt kommen?

Casjen: Ich würde auf jeden Fall sagen: Ja, es gibt diese Safer Spaces. Die hängen natürlich wie immer an total engagierten Einzelpersonen in diesen jeweiligen Institutionen. Zum Beispiel im Jugendhaus in Wolfhagen im Landkreis Kassel gibt es schon seit Jahren den Queeren Jugendtreff, der wird mal besser und mal schlechter besucht. Aber selbst wenn es mal nur zwei oder drei Jugendliche sind, glaube ich, dass es für die wirklich viel bedeutet, dahin gehen zu können, dass es in ihrem Dorf, in ihrer Kleinstadt diese Möglichkeit gibt, sich mit anderen queeren Jugendlichen und Allys zu connecten und einfach einen Film gucken, zu reden oder etwas zu spielen. Das Queere Winterfest in Wolfhagen gab es jetzt schon viermal und wird von allen total gut angenommen, also nicht nur von queeren Jugendlichen oder Erwachsenen. Im Landkreis Waldeck-Frankenberg gibt es in Bad Wildungen eine queere Jugendgruppe, und in Korbach eine mobile T*räumchen-Sprechstunde. Und in eigentlich allen nordhessischen Landkreisen gibt es verschiedene Angebote: Die Queere Jugend Werra-Meissner, die Orga-Gruppe vom CSD Witzenhausen, eine queere Jugendgruppe in Schwalmstadt. Es gibt wirklich viele engagierte Personen und Gruppen, denen es wirklich ein Anliegen ist, dass wir eben nicht mehr alle nach Kassel fahren müssen.
Ich selber komme aus Ungedanken, das ist ein kleines Dorf im Schwalm-Eder-Kreis. Für mich gab es sowas damals nicht. Ich war auf einer katholischen Schule, wir Queers wussten zwar voneinander und haben manchmal geredet, aber es gab keinen Ort für uns. Es gab das auch nicht, dass da in Schaufenstern irgendwo Regenbogen-Flaggen oder -Sticker hingen oder sonst irgendwie queere Sichtbarkeit hergestellt wurde, wie das heute ist. Ich musste immer nach Kassel, das war eine Stunde mit dem Bus pro Strecke, und dann musste man das irgendwie den Eltern verkaufen, dass man ohne Handy in die gruselige Großstadt fährt oder musste das sogar heimlich machen, weil die Eltern das nicht wollten. Das ist für viele mit Sicherheit immer noch so, weil wir in Nordhessen eine unfassbar große Fläche haben, die sehr strukturschwach ist in vielen Bereichen, auch was den öffentlichen Nahverkehr angeht.

AdiNet:  Jetzt hast Du so über Deine Jugend und Deine Erlebnisse erzählt. Was macht diese Ausgeschlossenheit, diese Ausgrenzung oder diese Angst, was macht das mit den Menschen?

Casjen: Was ich von mir sagen kann und was ich auch bei anderen Leuten immer mal wieder so höre oder in Gesprächen wahrnehme ist; man fühlt sich halt überhaupt nicht zugehörig zu dem Ort, in dem man lebt. Für mich war irgendwie immer klar, sobald ich 18 bin, bin ich hier weg, also ich hatte überhaupt keine Identifikation mit Fritzlar oder Nordhessen. Für mich war klar, ich will hier einfach nur weg, ich will nie wieder irgendwas damit zu tun haben. Ich bin dann auch weggezogen zum Studieren in verschiedene Städte und hab erst im Laufe der Zeit angefangen zu denken, dass ich es eigentlich gar nicht gut finde, dass alle Queers in die Großstädte und Metropolen ziehen. Heute noch fragen mich manchmal Menschen, warum ich nicht einfach nach Berlin oder Hamburg ziehe, weil ich es da mit Sicherheit viel leichter hätte. Und das stimmt bestimmt, aber es kann ja nicht sein, dass man sich so verdrängen lässt, finde ich. Gleichzeitig macht so eine „Flucht“ auch nicht immer alles leichter.

AdiNet: Das sieht man ja auch an anderen geflüchteten Personengruppen, die ihre Heimat verlassen müssen, um sich sicher zu fühlen. Ich höre da auch  raus, dass diese Ausgegrenztheit schon auch Angst macht.

Casjen: Voll ja. Das hat auch lange Zeit sehr am Selbstbewusstsein genagt, sich immer die Frage zu stellen, ob man erwünscht ist, ob es überhaupt einen Platz für einen gibt.

AdiNet: Was würde denn helfen? Welche Wünsche habt ihr, oder welche Wünsche haben die Klient*innen, die Menschen, mit denen ihr so zu tun habt? Was wird da als hilfreich erlebt?

Casjen: Ich glaube, man kann das auf verschiedene Weisen beantworten. Woran ich direkt denke, ist, gerade wenn man sich in ländlichen Räumen befindet, aber auch in Kassel selber: jedes kleine Zeichen der Solidarität hilft. Eine Freundin von mir hat ein Geschäft in Fritzlar und die hat eine Regenbogenflagge im Schaufenster, obwohl sie selber nicht Teil der Community ist, aber für sie ist das einfach wichtig, zu zeigen, dass alle willkommen sind in ihrem Laden, und dass sie sich auch gegen Diskriminierungen aussprechen würde, falls da was passieren sollte. Ob das jetzt eine kleine Regenbogenflagge im Schaufenster oder ein Sticker oder was auch immer ist, oder man auf die Website schreibt, dass alle Willkommen sind - jedes noch so kleine Zeichen hilft und die Leute, die das sehen sollen, die erreicht das auch. Ich glaube, dass das sehr viel bedeuten kann, gerade auch für Jugendliche. Und auch wenn man einen Infostand hat, da eine kleine Regenbogenflagge hinhängt, auch wenn man nicht hauptsächlich über queere Themen informiert. Gleichzeitig hilft es natürlich auch total, sich selber immer weiterzubilden. Da einfach offen zu bleiben, und auch Lust auf das Thema zu haben. Was ich natürlich auch noch erwähnen muss: sichere Strukturen und gute Finanzierung würden auch helfen, gerade gibt es das einfach nicht. Projektstellen sind häufig auf ein bis drei Jahre begrenzt, und um wirklich nachhaltig etwas zu verändern, muss man nachhaltig planen können und nicht immer drüber nachdenken, dass es die ganze Struktur vielleicht in einem Jahr nicht mehr gibt. Es ist wirklich notwendig, da viel mehr Kontinuität reinzubringen, nicht nur personelle, sondern auch finanzielle und inhaltliche.

AdiNet: Es ist natürlich schon für die mitarbeitenden Menschen schwierig, eigentlich keine klare berufliche Perspektive zu haben.

Casjen: Und auch für alle Kooperationspartner*innen, die gerne mit uns zusammenarbeiten. Zum Beispiel war neulich Präventionstag in Bad Wildungen, da war ich mit einem Infostand und wir wurden total gut angenommen. Wir haben viele tolle Rückmeldungen und Gespräche gehabt. Man hat wirklich gemerkt: den Menschen dort ist diese Sichtbarkeit, die wir herstellen, auch ein Anliegen, und dann nicht zu wissen, ob wir das nächstes Jahr wieder machen können, ist sehr frustrierend.

AdiNet: Was sicherlich auch ein wichtiger Aspekt wäre, ist, dass auch Leute, die nicht zu der queeren Community gehören, sich an den Aktionen und an den Veranstaltungen beteiligen. Also zum Beispiel auch Sportvereine, die auf CSD mitgehen, oder Schulen oder Betriebe. Das wäre ja wahrscheinlich auch so eine wichtige Botschaft die man raussenden muss: guckt nicht nur an, sondern geht auch mit!

Casjen: Ja, genau. Wir machen oft zur CSD Saison neues Merchandise, also Sticker, Bändchen und sowas. In einem Jahr haben wir mal darüber gesprochen, ob wir extra etwas für Allys machen sollten, also damit sie auch klar als Allys und nicht als Teil der Communities erkennbar sind. Dann haben wir aber gedacht: Nein, die Menschen können auch einfach die „normalen“ Regenbogenflaggen tragen und wenn sie dann Sorge haben, dass sie für queer gehalten werden, dann sind es wohl auch keine Allys.
Wir freuen uns total über alle, die bei Veranstaltungen und CSDs teilnehmen und da mit uns solidarisch stehen, gerade in den aktuellen Zeiten. Letztes Jahr wurden über 55%  aller CSDs in Deutschland von rechten Gegendemonstrationen gestört. Es wird immer mehr werden in den nächsten Jahren, wenn das so weiter geht. Sich daher klar zu positionieren ist wichtig. Im Privaten, aber auch in Betrieben, Vereinen, und überall sonst.

AdiNet: Ich hatte zum Beispiel mal gesehen, dass es in Felsberg einen Rewemarkt gibt, die hatten eine Zeit lang immer so Regenbogenfahnen draußen stehen, also so als Einladung, hier kann jeder einkaufen.

Casjen: Manche Supermärkte machen das tatsächlich das ganze Jahr über. Ich bin jetzt nach Fritzlar gefahren mit dem Auto, da bin ich an einer Niederlassung von „Die Autobahn“ vorbei gefahren. Da standen drei Flaggenmasten vor, und an einem hing die Regenbogenflagge. Ich hab das ganz überraschend gesehen, dass da also jeden Tag Leute auf der A49 lang fahren und das sehen. Mit Sicherheit arbeiten dort auch Menschen, die sich der Community zugehörig fühlen, wie überall. Und die wissen dadurch: Ich bin hier willkommen.

AdiNet: Das heißt, Diskriminierung spielt in deinem Arbeitsalltag schon auch immer wieder eine große Rolle, aber auch in deinem persönlichen Leben?

Casjen: Ja genau. Ich würde sagen, Diskriminierung oder Diskriminierungsprävention, Gewaltprävention ist ein großer Teil meiner Arbeit, gleichzeitig finde ich es auch wichtig, sich eben nicht nur darauf zu konzentrieren, sondern auch Räume zu schaffen, wo Alle einfach sie selbst sein können, mal entspannt sein können. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel ein Drag Bingo veranstaltet und da auch total gute Rückmeldungen bekommen, weil einfach alle Teilnehmenden Spaß haben konnten, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie schlimm eigentlich gerade alles ist und wie schlimm es vielleicht noch werden wird. Und tatsächlich ist Diskriminierung auch privat für mich  ist ein täglicher Begleiter, würde ich fast sagen. Gerade eben bin ich Straßenbahn gefahren und da waren drei Männer, die mir „Schwuchtel“ hinterher gerufen haben und mir Mittelfinger gezeigt haben. Nur weil ich einen Rock trage, denken die, das ist okay. Das ist krass!

AdiNet: Genau! Das muss aufhören. Vielen Dank für die Offenheit und für die Zeit die Du Dir genommen hast, um über die Situation zu sprechen. Wir werden auch weiterhin zusammen kooperieren und versuchen, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.

Casjen: Dankeschön, danke für die Einladung!

Casjen.Griesel@lsbtiq-nordhessen.net

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