Fachgespräch mit Alfred Jakoby vom Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG) e.V. - Rehabilitation, Teilhabe und Bildung
AdiNet:
Hallo Alfred, schön dass Du heute bei uns bist und dass Du bereit bist, etwas über Dich und Eure Aktivitäten zu erzählen. Sag uns bitte zunächst ein paar Worte zu Dir persönlich.
Alfred:
Ich freue mich, an dem Interview teilnehmen zu können und zu mir persönlich kann ich sagen, ich bin 67 Jahre alt, ich bin Rentner und ich habe viele Jahre meines Berufslebens in einer Sozialbehörde verbracht. Ich bin seit dem Januar 24 nicht mehr berufstätig und engagiere mich in unserem Verein AKGG e.V. als Vorstandsmitglied und auch als ehrenamtlicher Berater für Menschen mit Behinderungen. Zu meiner Person vielleicht noch weiter, männlich, ich habe die Qualifikation für die Berufsausübung auf dem zweiten Bildungsweg erworben und bin etwas später ins Berufsleben eingestiegen. Meine Ausbildung habe ich absolviert an der Universität Kassel im Fachbereich Sozialwesen und bin Diplom Sozialarbeiter/-pädagoge.
AdiNet:
Danke. Magst Du noch ein bisschen was über die Institution sagen, für die Du tätig bist?
Alfred:
Ich habe ja eben schon angedeutet, ich habe viele Jahre in einer Behörde gearbeitet und die Institution für die ich jetzt tätig bin, das ist der Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung e.V. hier in Felsberg, abgekürzt der AKGG e.V. und hier bin ich mittlerweile Vorstandsmitglied. Dazu engagiere mich als ehrenamtlicher Berater im Rahmen der EUTB-Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. Die EUTB ist seit 2018 das wesentliche Tätigkeitsfeld, dass unser Verein bearbeitet. Der AKGG e.V. ist seit 2018 Träger der EUTB im Schwalm-Eder-Kreis und seit 2022 auch im benachbarten Werra-Meißner-Kreis. Die Beratung der Ratsuchenden erfolgt durch die zwei hauptamtlichen Berater*innen unserer EUTB. Im Vertretungsfall oder bei einzelnen besonderen Fragestellungen führe ich auch einzelne Beratungen ehrenamtlich durch. Daneben unterstütze ich die beiden Berater*innen bei deren Recherchearbeit.
AdiNet:
Kannst Du uns noch ein bisschen etwas zu dem Personenkreis sagen, der von Euch beraten wird? Was sind das für Menschen und in was für Situationen sind die Ratsuchenden, mit welchen Anliegen kommen sie zu Euch?
Alfred:
Wir haben die Aufgabe Menschen zu beraten und zu unterstützen, die behindert sind oder von einer Behinderung bedroht sind oder Fragen zu den Möglichkeiten der Rehabilitation in ihrer ganz persönlichen Lebenssituation haben. Wir haben Kontakt zu Menschen mit und in ganz unterschiedlichen Problemlagen: sei es Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung oder Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, mit Sinnesbehinderung, mit psychischen Erkrankungen oder mit anderen Gesundheitsproblemen. Dabei kann es um ihre Stellung und ihre Situation im Alltagsleben gehen, z.B. um die Frage, ob ich allein leben kann und will, kann ich die Aufgaben bewältigen, die mir das Alltagsleben stellt oder auch bei Problemen, die im Berufsleben auftreten können, z.B. wenn es um eine Schwerbehinderung geht. Wir beraten im Hinblick auf die Leistungen aller Rehabilitationsträger, die möglicherweise für Leistungen zuständig sein könnten, also auch z.B. die Krankenversicherung, oder die Rentenversicherung oder die Träger der Eingliederungshilfe, aber auch die Integrationsämter, die im Schwerbehindertenrecht eine bedeutsame Rolle spielen. Der Personenkreis, den wir beraten ist also unterschiedlich, was die Geschlechterverteilung, die Ethnie, das Alter, die Geschlechteridentität, die gesundheitliche Situation und die daraus entstandenen Problemlagen angeht.
Es können Menschen beraten werden, die im Erwachsenenalter sind, möglicherweise an erworbenen chronischen Erkrankungen leiden und Unterstützung durch Teilhabeleistungen brauchen. Es kann aber auch um Menschen gehen, die im Kindes- und Jugendalter sind und zum Beispiel Unterstützung beim Schulbesuch benötigen, aber auch in der Freizeitgestaltung. Daneben beraten wir auch die Angehörigen von Menschen mit Behinderung und bei Bedarf auch deren ehrenamtliche rechtliche Betreuer.
AdiNet:
Was für Erfahrungen berichten die Klient*innen in Bezug auf Diskriminierungen? Vielleicht kannst Du da mal so das eine oder andere konkrete Beispiel erzählen?
Alfred:
Die Erfahrung von Diskriminierungen, die berichtet werden, sind ganz vielfältig, so wie die Lebenssituationen der betroffenen Menschen sind. Oftmals geht es um Diskriminierung in der Arbeitswelt, die mehr oder weniger subtil auftreten können und oft zu deutlichen Benachteiligungen der Menschen führen, sei es, dass die Ausstattung des Arbeitsplatzes nicht passend ist obwohl es denkbar und möglich wäre, sei es dass Menschen in ihrer sozialen Umgebung am Arbeitsplatz auf Ablehnung treffen und dadurch über das gesundheitliche Problem weit hinaus beeinträchtigt werden. Das Gleiche gilt aber oft auch für Menschen, die einer anderen Ethnie angehören. Es wird nicht offen über die Gründe für Diskriminierungen gesprochen, aber das Verhalten und zum Beispiel die Ergebnisse von Beratungssituationen durch Behörden und ähnliche Institutionen machen deutlich, dass Menschen in dieser Lebenslage benachteiligt werden. Benachteiligung z.B. aufgrund der sexuellen Orientierung, der Geschlechterzugehörigkeit durch Vermieter oder Arbeitgeber, aber auch durch Behörden und Reha-Träger im Rahmen von deren Beratungen, die nicht immer so verläuft wie eigentlich zu erwarten ist, werden immer wieder von Ratsuchenden berichtet.
AdiNet:
Also Du würdest vielleicht sagen, dass bestimmte Menschen vielleicht nicht alle Informationen bekommen, die sie brauchen um ihre Rechte einzufordern?
Alfred:
Das ist eine Mischung aus mangelhaften bis hin zu falschen Informationen, die den Personen gegeben werden, aus einer manchmal sehr reservierten Haltung heraus, die erkennbar wird und aus einer sehr knappen Beratung.
AdiNet:
Ok es passiert. Wir wissen es eigentlich auch, aber wie reagieren diese Menschen darauf? Was macht es mit ihnen, wenn sie solche Erlebnisse haben und wie gehen sie damit um?
Alfred:
Die Umgangsweisen der Menschen, die solche Erfahrungen machen sind sehr unterschiedlich, das lässt sich im Einzelfall durch die davon auch nicht vorhersagen. In der Regel ziehen sich viele eher zurück und stellen ihre Wünsche und Vorstellungen in den Hintergrund, um möglichst Konflikte und negative Erfahrungen zu vermeiden. Vor allem die Wiederholung negativer Erfahrungen führen zu starkem Rückzug und Frustration. Oftmals entwickeln die Betroffenen eine Haltung, sich selbst zurückzunehmen mit eigenen Wünschen und mit eigenen Vorstellungen sich selbst zu zensieren, um mögliche Konflikte zu vermeiden und vor allen Dingen den Vorwurf zu vermeiden, sich auf Kosten anderer einen Vorteil verschaffen oder sich „bereichern“ zu wollen. Eine andere Form ist es, mit vermehrter Energie, die von außen häufig als aggressives Verhalten gedeutet wird, seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dabei muss man bedenken, dass die Vermeidung solcher Konflikte auf Seite der Behörden auf einfache Weise möglich wäre.
AdiNet:
Also das ist ein interessanter Aspekt, denn die nächste Frage wäre dann eben auch: Was würde denn helfen? Ich verstehe das so, dass zum Beispiel die Sprache wie mit Antragstellern geredet wird oder wie Anträge formuliert sind, wie Fragen in den Anträgen formuliert sind, schon auch wesentlich dazu beitragen könnte, dass sich die Antragsteller*innen auch vielleicht eher verstanden fühlen würden oder in der Lage wären, auch die richtigen Antworten zu geben.?
Alfred:
Hilfreich wäre sicherlich, wenn Menschen, die unsere Beratung suchen, nicht oft schon über negative Erfahrungen mit Behörden, mit Organisationen, bei denen sie Anträge stellen müssen, gemacht hätten. Und wenn diese öffentlichen Stellen entsprechende Vorkehrungen treffen würden, weil sie in der Regel ja darüber informiert sind, wie schwierig z.B. das Leben für Menschen mit Behinderungen sein kann. In der Regel treten Schwierigkeiten in der Kommunikation auf, weil es z.B. um intime Informationen geht und die Konfrontation mit der als negativ erlebten Lebenssituation die Stimmung in so einem Gespräch von vornherein negativ beeinflusst. Also hier wären Vorkehrungen notwendig und aus meiner Sicht auch möglich.
Ein anderer Aspekt, der als Barriere wahrgenommen wird, ist der Bereich der Antragstellung selbst. Die Antragstellung erfordert überwiegend die Fähigkeit lesen und schreiben zu können und schließt damit tendenziell Menschen, die über diese Fähigkeit nicht problemlos verfügen von einer erfolgreichen und schnellen Antragstellung eher aus. Unsere Beratung sieht dabei vor, dass wir Personen dabei unterstützen, diese Fähigkeit A zu entwickeln oder B zu kompensieren, um in jedem Fall erfolgreich einen Antrag stellen zu können. Ein einfaches Beispiel: die postalische Zusendung von schriftlich zu bearbeitenden Anträgen an Blinde und sehbehinderte Menschen stellt natürlich eine erhebliche Barriere dar, weil sie den Betroffenen, ohne das offen zu machen, darauf verweist, sich sehende Unterstützung zu suchen.
AdiNet:
Wir haben ja viel auch mit Strukturen zu tun, die eher so zentralistisch sind, die in den Städten verortet sind und insofern haben wir natürlich auch viele Netzwerkpartner*innen die in der Stadt tätig sind und da vernetzt sind. Wie unterscheidet sich das durch die Tätigkeit in diesen beiden großen Landkreisen von dem, was man so zum Beispiel in der Stadt wie Kassel erleben könnte?
Alfred:
Der wesentlichste Unterschied ist vor allen Dingen, dass das Wissen über die Angebote, die vorhanden sind, mühsamer zusammengetragen werden muss. Das ist der beträchtliche Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Strukturen. Die Tatsache größerer Entfernungen führt dazu, dass Wissen sich nur schwerer verbreiten lässt. Wir gehen unterschiedliche Wege bei der Öffentlichkeitsarbeit, um unser eigenes Beratungsangebot, aber auch die Beratungsangebote anderer in der Region bekannt zu machen und miteinander zu verknüpfen.
AdiNet:
Kannst Du noch was sagen zu der Frage ob Ihr als Beratende in Zusammenhang mit der Tätigkeit auch von Diskriminierungen betroffen seid? Wenn Ihr Euch um diese Menschen kümmert und wie geht Ihr damit um als Berater?
Alfred:
Gute Frage! In Beratungssituationen, insbesondere in den Situationen an denen auch Behördenvertreter beteiligt sind, wird sowohl im Vorfeld von Gesprächen wie auch im Nachgang oftmals erkennbar, dass der mögliche Versuch des Abbaus diskriminierenden Verhaltens nicht genutzt wird. Vielmehr bleibt es eigentlich bei dem, was Diskriminierung in solchen Situationen ausmacht, also zum Beispiel nicht gut zu informieren, Wissenslücken erkennbar bestehen zu lassen, Vorschläge zum besseren Umgang von Beraterseite eher negativ wahrzunehmen und als Angriff zu deuten.
AdiNet:
Also die Teilnahme oder die Unterstützung von Ratsuchenden in solchen Gesprächen wird als Störung oder Einmischung empfunden?
Alfred:
Genau so kann das beschrieben werden. Beratende, die Menschen unterstützen, werden in einer Gegnerposition wahrgenommen und stoßen insofern auf ähnliche Ablehnung wie die Betroffenen selbst. Ich versuch das mal in 2-3 Sätzen zu beschreiben: So kann es zum Beispiel sein, dass einfache und bekannte Schritte bei der Bearbeitung nicht genutzt werden und dies in der Folge erneut zu Problemen führt. Das hat dann Auswirkungen auf die Geschwindigkeit von Bearbeitungsprozessen. Eine längere Bearbeitungszeit ist immer zum Nachteil der betroffenen Person. Diese Barriere, kann einerseits der Einstellung und Haltung der Behördenvertreter*innen zugerechnet werden, kann an mangelnder Information und Vorbereitung liegen, oder einfach nur Ausdruck für eine Arbeitsweise und Haltung sein, die insbesondere gegenüber Menschen mit erkennbarem „Anderssein“ auftritt.
AdiNet:
Vielen Dank für Deine Zeit und die Einblicke in Euren Alltag und ich wünsche Euch für Eure Arbeit weiterhin viel Erfolg und viel Kraft.